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The Hateful Eight

Quentin Tarantino, USA, 2015o

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Wyoming, einige Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg: Eine Kutsche bahnt sich mühsam ihren Weg durch den Schnee in Richtung der Bergstadt Red Rock. An Bord befinden sich ein Kopfgeldjäger, dessen Gefangene sowie zwei Anhalter. Aufgrund eines Schneesturms legen sie einen Zwischenstopp ein und treffen dabei auf eine Gruppe zwielichtiger Männer. Was auf den ersten Blick wie ein zufälliges Zusammentreffen von Fremden in einem vergessenen Winkel der Welt wirkt, entpuppt sich schnell als etwas anderes.

Ein Kammerspiel, angesiedelt im Wilden Westen kurz nach dem Bürgerkrieg: Zwei Kopfgeldjäger, eine Frau, für die es eine Belohnung gibt und fünf noch viel seltsamere Gestalten sind in einer Kutschstation eingeschneit und liefern sich eine Schlacht um die Herrschaft über Amerika. Quentin Tarantinos Film ist Western-Hommage und Renovierung zugleich, großartig gefilmt und wunderbar geschrieben.

Susan Vahabzadeh

It's surely the bleakest film of Tarantino's career, pronouncing a bitter verdict not only on America's past, but its present and future as well.

Jake Wilson

Slow-burner progressant avec assurance vers un pinacle de dégénérescence mentale servi par une violence extrême, mais plus enjôleuse que choquante, Les 8 Salopards parvient à rester fascinant d’un bout à l’autre.

Fabio Martins

Tarantino propose une variation sur Reservoir Dogs, catapulté en western, oeuvre à la fois bouffonne, médiatise, rusée et extrêmement rigoureuse, et sans doute un de ses films les plus fascinants.

Théo Ribeton

Galerieo

Tages-Anzeiger, 26.01.2016
Im Wirtshaus zur toten Zeit

Treffen sich acht Fieslinge im Saloon: Mit «The Hateful Eight» hat Quentin Tarantino einen Kammerwestern inszeniert – mit gewohnt viel Raum für Blut.

Von Pascal Blum

Im Filmglossar des Kritikers Roger Ebert steht es unter F: «Fallacy of the Talking Killer», der Unsinn des redenden Mörders. Gemeint ist der Moment im Kino, in dem ein Schurke mit der Waffe im Anschlag so lange seine Motive erörtert, bis der Held einen Ausweg aus der Situation findet. Quentin Tarantino bietet in «The Hateful Eight» zwar niemandem mehr einen Ausweg. Aber die Killer, die reden, und wie, und wie lange!

Dieser Regisseur ist heute selbst eine Art Fiesling, der Worte macht: ein Verkünder von Gewalt, der den Moment vor dem Ereignis hinauszögert, bis die Zeit Fäden zieht; «molasses-like», heisst es im Film, als würde man durch Melasse gehen. So kommt man wirklich nirgend hin, aber Tarantino hat anderes im Sinn als den Plot, den er in der Vergangenheit auch gerne einmal zerstückelte. Nicht einmal den Motor der Rache, der in «Inglourious Basterds» und «Django Unchained» die Tyrannei in Rauch aufgehen liess, wirft er richtig an.

Viel Verkehr im Nirgendwo

Er will jetzt einfach Raum und Zeit ausdehnen, so weit, wie es nur geht. Bis wir in den Augen von Samuel L. Jackson schwimmen und versinken in Text und Blut. Deshalb hat er auf 70-Millimeter-Film gedreht. Weniger wegen der Weite der Landschaft, mehr wegen der Close-ups, denn das Breitfilmformat, so Tarantino in einem Interview, helfe dabei, sich in Gesichtern zu verlieren, wodurch sich die Aufmerksamkeit auf das Gesagte richte. Der Unsinn des redenden Künstlers: Wenn Tarantino Dialoge schreibt, braucht es das breiteste Filmformat.

Dabei beginnt «The Hateful Eight» wortlos, mit einer majestätischen Bewegung durchs Schneepanorama im 19. Jahrhundert, kurz nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg. Eine Kutsche pflügt durchs Weiss, sie biegt in eine Kurve, da versperrt einer den Weg. Es ist der Kopfgeldjäger Marquis Warren (Samuel L. Jackson), er hockt auf seinem persönlichen Leichenberg und begehrt Mitfahrt. Im Wagen sitzt John Ruth (Kurt Russell), ebenfalls Kopfgeldjäger und genannt «The Hangman», weil er seine Beute am liebsten am Galgen hängen sieht. An der Kette hat er die Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), eine besonders niederträchtige Braut, wie wir glauben sollen, fast so niederträchtig wie der Hangman selber. Nach einigem Verhandeln wird der Anhalter mitgenommen. In der Kutsche schlägt der Hangman Daisys Nase blutig, und ihre Reaktion, wechselnd von Trotz zu Verführung zu Hass, ist die schönste Landschaft im ganzen Film.

Im Birkenwald nimmt das Gespann einen weiteren Typen auf (Walton Gog­gins), der behauptet, der designierte Sheriff der nächsten Stadt zu sein. Dafür, dass wir durchs Niemandsland fahren, sind recht viele Leute unterwegs – aber das ist ein Witz, den Tarantino bereits in den Dialog eincodiert hat. So arbeitet er mit Vorliebe: erst mit den Augen zwinkern, dann mit der Faust in den Magen schlagen. Ein Sturm zieht auf, die Gruppe macht Rast in Minnie’s Haberdashery, einem Wirtshaus mit Haushaltswarengeschäft, dessen Türe man zunageln muss, damit sie nicht auffliegt im Wind. Hier wartet der Rest des Personals: ein stoischer Cowboy (Michael Mad­sen), ein Südstaaten-General (Bruce Dern), ein Mexikaner (Demian Bichir) und ein gesprächiger Henker (Tim Roth).

Wir wollen nicht zu viel verraten. Es werden Leute reden, und es werden Leute sterben, in dieser Reihenfolge. Minnie’s Haberdashery ist ausgestattet mit Stühlen und Bänken, mit einer Bar, einem Ofen mit Kaffeekocher und einem Kamin. Wir verbringen die folgenden Stunden in diesem letzten Tchibo vor dem Nirgendwo, es ist im Wesentlichen ein Modell des Westerns, oder eher: seine Auslage. Hier gibts alles Nötige, die Navajo-Decke, das Barpiano, den Saloontresen: Tarantino probt den Western als Versuchsanlage und Schrumpfversion. Dass hier die Requisiten des amerikanischen Ur-Genres als Verkaufsware dargeboten werden, ist eine dieser Tarantino-Pointen, mit denen er die Filmgeschichte auf sich selbst zurückspiegelt. So wie jeder Gag im Gestus des Komplizen daherkommt, mit dem man sich gar nicht unbedingt verschwören will (und wer entdeckt Tarantinos liebste Stuntfrau?).

Nach «Django Unchained» bezieht er sich erneut auf das Kino von Sergio Corbucci und spielt auf jenes von Sam Fuller an. Die andere Referenz ist vermutlich Agatha Christie, lange genug jedenfalls dauert die Episode «Wer hat den Kaffee vergiftet?». Und natürlich spielt der Western im Hallraum einer US-amerikanischen Gegenwart, die den Rassismus ins System eingebaut hat, damit man ihn weniger gut sieht, und in der ein Schwarzer die Waffe in die eigene Hand nehmen muss, um nicht zerdrückt zu werden. Die Sklavenhalter sind besiegt, aber bei Tarantino explodiert der Bürgerkrieg erst danach, im Modellhaften eines Kammerdramas. Die Wunde ist bis heute nicht verheilt, aber was Tarantino uns damit sagen will, geht unter in dem, was geredet wird.

Hier agiert eine Reihe von fantasiebunten Aufklappfiguren aus dem moralischen Zwielicht, und alle haben sie ihren Monologmoment am Bühnenrand. Kurt Russell ist ganz Feldherrenbackenbart und Sadismusgenuss; Samuel L. Jackson ein gefährlich geladener Showmaster aus Selbstschutz: Der «Nigger» wirft sich auf, bevor man ihn unterwirft. Dazwischen, als Boxsack und Zeitbombe: Daisy Domergue.

Gewohnt fies, aber freudlos

Die andere Welt, auf die Tarantino hinweist, ist seine eigene: «The Hateful Eight» ist auch ein Kurzwarenladen seines Plünderkinos, vom Intrigenreigen in «Reservoir Dogs» über die Schockgewalt von «Pulp Fiction» und die Rewind-Sprünge in «Jackie Brown» bis zu den monumentalisierten Vorträgen in «Inglourious Basterds» und der Geschichtsrevision von «Django Unchained». Alles ein wenig vorhanden, als Zitat des Zitats und als Spirale hinein ins Zeichenspiel ohne Zentrum. Die ausgesucht böse Gewalt ist tatsächlich das Einzige, woran man sich halten kann: Sie steht für sich und hat reale Folgen – so, wie auch Ennio Morricones Breitwandfilmmusik das Geschenk eines Originalgenies ist an einen begnadeten Kopisten.

So hocken wir in der Zeichenhütte, wo die Zeit der Toten herrscht, also die tote Zeit. Wenn Tarantino die Szenen zerdehnt, im Takt variiert und mit Gewalt punktiert, ist es ein Wiederholungskurs in Rhythmuslehre und eine Trickserei mit alten Maschen: gewohnt fies, aber so freudlos wie selten. Bitte, die Grimmigkeit bittet zum Slow Dance auf der Guckkastenbühne des Schreckens. Quentin Tarantino hat sich seine Welt eingerichtet. Jetzt bewohnt er sie nur noch.

Aber er bleibt ein bestechender Rhetoriker: «Keeping you at a disadvantage is an advantage I intend to keep», ruft der Hangman aus der Kutsche. Bill Clinton benutzte denselben Kniff, als er in einer Rede sagte: «People have always been more impressed by the power of our example than by the example of our power.» Und weil in diesem Film auch ein persönlicher Brief von Abraham Lincoln eine Rolle spielt – auch so ein Mann des Wortes –, möchte man sagen: Quentin Tarantino wäre bestimmt ein hervorragender Redenschreiber.

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Zeit Online, 26.01.2016
© Alle Rechte vorbehalten Zeit Online. Zur Verfügung gestellt von Zeit Online Archiv
Spiegel Online, 27.01.2016
© Alle Rechte vorbehalten Spiegel Online. Zur Verfügung gestellt von Spiegel Online Archiv
The Sydney Morning Herald, 12.01.2016
© Alle Rechte vorbehalten The Sydney Morning Herald. Zur Verfügung gestellt von The Sydney Morning Herald Archiv
The First Eight - Quentin Tarantino Dokumentation
/ ARTE
de / 04.06.2020 / 1:36‘30‘‘

Interview Quentin Tarantino & Christopher Nolan
/ Directors Guild of America
en / 28.12.2015 / 30‘57‘‘

Behind the scenes
/ FilmIsNow
en / 06.12.2015 / 5‘31‘‘

Behind the scenes 2
/ FilmIsNow
en / 06.12.2017 / 4‘23‘‘

Filmdateno

Synchrontitel
The Hateful 8 DE
Les Huit Salopards FR
Genre
Western, Krimi/Thriller, Drama, Mystery
Länge
167 Min.
Originalsprachen
Englisch, Spanisch
Bewertungen
cccccccccc
ØIhre Bewertung7.8/10
IMDB-User:
7.8 (496622)
Cinefile-User:
< 10 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen

Cast & Crewo

Samuel L. JacksonMajor Marquis Warren
Kurt RussellJohn 'The Hangman' Ruth
Jennifer Jason LeighDaisy Domergue
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Bonuso

iGefilmt
The First Eight - Quentin Tarantino Dokumentation
ARTE, de , 1:36‘30‘‘
s
Interview Quentin Tarantino & Christopher Nolan
Directors Guild of America, en , 30‘57‘‘
s
Behind the scenes
FilmIsNow, en , 5‘31‘‘
s
Behind the scenes 2
FilmIsNow, en , 4‘23‘‘
s
gGeschrieben
Besprechung Tages-Anzeiger
Pascal Blum
s
Besprechung Zeit Online
Wenke Husmann
s
Interview Quentin Tarantino
Spiegel Online / Andreas Borcholte
s
Besprechung The Sydney Morning Herald
Jake Wilson
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